Melanie Amann zu Gast bei „Ungeskriptet“ – ein Gespräch, das Deutschland spaltet
Drei Stunden, zwei Welten, ein Mikrofon: Als Ben Berndt die ehemalige stellvertretende SPIEGEL-Chefredakteurin Melanie Amann in sein Studio einlädt, treffen zwei Pole des deutschen Medienbetriebs aufeinander. Hier der freie Podcaster, dem nach seinem viel diskutierten Höcke-Interview aus der SPD heraus ein Werbeboykott angedroht wurde. Dort die promovierte Juristin und ausgewiesene AfD-Expertin, die ihre Karriere in den Maschinenräumen der Financial Times, der FAZ, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und zwölf Jahre lang beim SPIEGEL verbracht hat. Mainstream pur, wie Berndt zu Beginn süffisant feststellt.
Und doch ist es kein Showdown geworden, sondern ein erstaunlich offenes Gespräch – über Journalismus, Macht, Verantwortung und die Frage, wer in einer Demokratie eigentlich das Mikrofon halten darf.
Die Warnung im Gepäck
Berndt erzählt es freimütig: Er sei vor Amann eindrücklich gewarnt worden. Sie wisse, wie man Gespräche lenkt. Sie wirke harmloser, als sie sei. Sie könne ihm eine Falle stellen.
Wer Amanns Arbeit der vergangenen zwölf Jahre kennt – die kühlen Analysen über das Innenleben der AfD, die Recherchen in einer Szene, die ihr offen feindselig gegenübersteht – versteht, woher solche Warnungen kommen. Sie hat sich einen Ruf als jemand erarbeitet, der bei Höcke, Weidel und Co. nicht weggeschaut hat. Genau das macht sie für Berndts Publikum, das den klassischen Leitmedien mit wachsender Skepsis begegnet, zur Reizfigur.
Berndt entscheidet sich, sich trotzdem unvoreingenommen einzulassen. Es wird eines seiner kontroversesten Gespräche.
Zwölf Jahre Spiegel: Eine Liebeserklärung mit Bruchkanten
Im ersten Teil erzählt Amann von ihren Stationen – und vor allem von der Zeit beim SPIEGEL als „Lebensumbruch“. Man hört einer Journalistin zu, die ihren Beruf als Berufung begreift und ohne erkennbare Ironie sagt, sie habe „den besten Job der Welt“.
Das ist kein PR-Sprech. Es ist die Selbstbeschreibung einer Generation von Edelfeder-Journalisten, die in Redaktionen sozialisiert wurde, in denen Recherche, Haltung und das Vertrauen der Leser noch als selbstverständlich zusammengedacht wurden. Genau diese Verbindung gerät im Verlauf des Gesprächs ins Wanken – nicht zwischen Amann und Berndt, sondern als Phänomen unserer Zeit.
„Wer trägt das Megafon?“ – Der Kern des Konflikts
Bei Minute 28 wird es ernst. Berndt fragt sich – oder Amann fragt es ihn – was eigentlich seine Verantwortung als Podcaster ist. Konkret: War es richtig, Björn Höcke vier Stunden lang sprechen zu lassen?
Es ist die Schlüsselfrage des ganzen Abends. Amann steht hier stellvertretend für eine journalistische Schule, die sagt: Wer einem rechtsextremen Politiker eine Bühne ohne Widerspruch bietet, wird Teil seiner Strategie. Berndt antwortet aus einer anderen Tradition, der der offenen, langen Gesprächsform: Wer einen Menschen drei oder vier Stunden reden lässt, erlebt ihn ungefilterter, als jedes klassische Interview es zulässt – inklusive seiner Schwächen.
Die beiden ringen ehrlich miteinander. Es geht um die Frage, ob „einfach reden lassen“ eine Form von intellektueller Ehrlichkeit oder eine Form von journalistischer Verantwortungslosigkeit ist. Beide Positionen werden mit Argumenten unterfüttert, keine wird karikiert.
Haltungsjournalismus: Wem gehört das Vertrauen?
Der nächste Block (ab 00:51:07) berührt den vielleicht wundesten Punkt des deutschen Journalismus: Den sogenannten Haltungsjournalismus. Amann verteidigt die Idee, dass Journalisten nicht neutral zu Demokratie, Menschenrechten und Verfassungsstaatlichkeit stehen müssen – im Gegenteil. Berndt hält dagegen, dass aus Haltung schnell Bias wird, und Bias langfristig das Vertrauen der Leser kostet.
Wer in den vergangenen Jahren die sinkenden Auflagen, die Vertrauensumfragen und das Aufkommen alternativer Medienformate verfolgt hat, weiß: An diesem Punkt liegt eine der großen Bruchlinien des deutschen Mediensystems. Amann argumentiert souverän, ohne defensiv zu werden. Aber sie überzeugt Berndt nicht, und Berndt überzeugt sie nicht. Vielleicht ist gerade das ehrlich.
Esken, Zensur und die Grenzen der Demokratie
Es war absehbar, dass dieser Punkt kommen würde. Im Mai hatte die ehemalige SPD-Vorsitzende Saskia Esken in einem aus dem Bundestag heraus produzierten Video Unternehmen dazu aufgerufen, Werbung in Berndts Podcast einzustellen – „Blacklisting hilft“ war ihre Formulierung. Esken selbst verteidigt das als legitimen Appell, nicht als Zensur, weil Zensur staatliches Handeln voraussetze, und sie sei „nur“ Abgeordnete.
Berndt erlebt das anders. Er hatte den Vorgang als „Riesenangriff auf die Pressefreiheit“ bezeichnet, als von langer Hand geplante Attacke gegen ein kleines, unabhängiges Studio. Im Gespräch mit Amann will er nun wissen, wie eine Spitzenjournalistin diesen Vorgang einordnet.
Amanns Antwort an dieser Stelle ist eine der spannendsten Passagen der Folge – weil sie zeigt, dass die Linie zwischen „berechtigter Kritik an Reichweite für Rechtsextreme“ und „Eingriff in publizistische Freiheit“ auch innerhalb des journalistischen Establishments nicht so einheitlich verläuft, wie es nach außen scheint.
Höcke, Ideologie und das halbe Bild
Im letzten großen Block (ab 01:36:47) kommt das Gespräch zurück zu Höcke. Amann argumentiert, dass Berndt in seinem Interview nur ein halbes Bild gezeichnet habe – die persönliche, scheinbar moderate Seite eines Politikers, dessen ideologische Tiefenstruktur sie über Jahre dokumentiert hat. Berndt hält dagegen, dass es gerade diese persönliche Ebene sei, die in der Berichterstattung gefehlt habe und ohne die kein vollständiges Urteil möglich sei.
Es ist die alte Frage, neu gestellt: Versteht man einen Menschen besser, wenn man ihm zuhört, oder versteht man ihn besser, wenn man weiß, was er nicht sagt?
„Frauen haben noch gar nicht angefangen zu übertreiben“
Zum Abschluss bringt Amann einen Gedanken mit, der inhaltlich aus dem Rest des Gesprächs herausragt – und ihm doch eine pointierte Klammer gibt. Über Frauen in Öffentlichkeit, Politik und Journalismus sagt sie sinngemäß: „Frauen haben noch gar nicht angefangen zu übertreiben.“ Eine Provokation an die, die meinen, der Feminismus sei längst über das Ziel hinausgeschossen. Eine Einladung an alle, die finden, dass weibliche Selbstbehauptung in Deutschland noch immer mit zu vielen Höflichkeitsklauseln daherkommt.
Es ist typisch für Amann, dass sie ein dreistündiges Gespräch nicht mit einem journalistischen Resümee schließt, sondern mit einem politischen Satz, der weh tun soll.
Was bleibt
Wer am Ende „gewonnen“ hat, ist die falsche Frage. Wer in dieser Folge gehofft hatte, dass Amann Berndt zerlegt oder Berndt Amann demaskiert, wird enttäuscht. Was stattdessen entsteht, ist ein seltenes Dokument: Zwei sehr unterschiedliche Vertreter des deutschen Medienbetriebs reden drei Stunden lang über das, worüber zur Zeit alle reden, und niemand richtig mit jemandem von der anderen Seite spricht.
Genau deshalb spaltet diese Folge. Wer in einem fest gefügten Lager steht – egal welchem – wird Gründe finden, sich zu ärgern. Wer das Gespräch hingegen als das nimmt, was es ist – ein Versuch, ohne Skript zu denken – nimmt mehr mit als aus den meisten Talkshow-Runden.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Dass ein dreistündiges Gespräch über Verantwortung im Journalismus inzwischen selbst zum Streitfall geworden ist.
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