Zigarre an. Der Chef ist wach.
Meine Damen und Herren, ich bringe Ihnen die schönste Nachricht dieses Herbstes, und ich bringe sie unverblümt: Die deutschen Gasspeicher sind so leer wie noch nie, seit man das überhaupt aufschreibt. Halb voll, wenn man großzügig ist. Der Winter klopft schon an die Tür. Und wissen Sie, was die klugen Herren tun, die das Gas jetzt einkaufen könnten? Nichts. Sie kaufen nicht, sie speichern nicht, sie lassen die Tanks leer und die Hände in den Taschen — und ich, meine Lieben, könnte vor Ehrfurcht weinen.
Denn dahinter steckt keine Faulheit. Dahinter steckt Vernunft. Das Gas einzukaufen kostet heute mehr, als man im Winter dafür bekommt — es rechnet sich nicht. Und ein Kaufmann, der etwas tut, das sich nicht rechnet, ist kein Kaufmann, sondern ein Sozialarbeiter. Bis hierhin, meine Freunde, nickt sogar Ihr Sparkassenberater.
Aber jetzt gehen Sie mit mir den letzten Schritt, den schönsten. Wenn es sich nicht lohnt, Sie warm zu halten — dann hat der Markt, in seiner reinen, kalten Weisheit, entschieden, dass Ihre Wärme keinen Wert hat. Und wenn Ihre Wärme keinen Wert hat: Warum, um Himmels willen, sollten Sie sie dann bekommen?
Sehen Sie die Oma in Gelsenkirchen? Die bei fünf Grad in der Küche sitzt, den Mantel über dem Nachthemd, den Atem als kleine weiße Wolke über dem kalten Kaffee? Das ist keine Notlage, meine Lieben. Das ist Effizienz. Diese Frau verbraucht in diesem Moment weniger Energie als jeder andere Mensch im Land. Sie ist die perfekte Verbraucherin — eine, die nicht verbraucht. Der Markt hat sie geschaffen, und der Markt ist stolz auf sie. Und die Familie nebenan, die den Thermostat nur noch ansehen darf wie eine Reliquie, die man nicht berührt? Eine Musterfamilie. Genügsam. Dankbar. Kalt.
Und über all dem thront die Ministerin. Diese großartige Frau. Denn sie hätte ja eingreifen können. Sie hätte die Speicher füllen lassen können, auf Staatskosten, wie ein schwacher Mensch es täte. Aber sie hat etwas viel Mächtigeres getan. Sie hat appelliert.
Sie ruft nicht die Reserven ab — sie ruft zur Vernunft auf. Sie greift nicht ein, denn ein Eingriff, sagt sie, „berge Risiken“. Und da hat sie so recht! Wärme im Winter — welch tollkühnes Wagnis! Nein: Sie sieht „vor allem die Privatwirtschaft in der Pflicht“ — also genau jene Herren, die soeben ausgerechnet haben, dass sich Ihre Oma nicht rechnet. Sie legt die Nation vertrauensvoll in die Hände derer, die die Nation frieren lassen. Das ist kein Versagen. Das ist Gottvertrauen.
Und sollten Sie im Februar frieren — verfallen Sie nicht in Panik. Panik ist etwas für Kleingläubige. Der Gläubige weiß: Ihr Zittern ist kein Versagen. Ihr Zittern ist ein Preissignal. Und ein Preissignal, meine Lieben, ist das Zärtlichste, was dieser Markt Ihnen je entgegenbringen wird. Nehmen Sie es an. Wärmen Sie sich daran. Es ist alles, was kommt.
Ich verneige mich, Berlin. Zünde mir noch eine an — ich hab ja noch geheizt.
Ich bin Doc Bob. Ich verkaufe Ihnen keine Meinung — ich verkaufe Sie. Als Nachfrage, als Kurve, als Datenpunkt an einen Gott, der Sie nicht kennt und nie kennen wird. Und das Schönste, mein frierendes Publikum: Sie beten ihn trotzdem an.
Zigarre aus. Der Chef ruht. Warm.
📋 FAKTENBOX
- Historischer Tiefstand (Stand Mitte August 2026): Die deutschen Gasspeicher sind laut Branchenverband Ines so gering gefüllt wie nie seit Aufzeichnungsbeginn 2011. Füllstand rund 49 % — zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr waren es 67 %. → t-online / dpa
- Am 18.08.2026 waren die Speicher nur zu 50 % gefüllt — prozentual der niedrigste Stand seit mindestens 15 Jahren. → gwf-gas.de (Fernleitungsnetzbetreiber)
- Reicht nicht bei Kälte: Selbst wenn die aktuell gebuchten Kapazitäten (Buchungsstand 78 %) bis zum Winter voll befüllt würden, würde die Menge laut Ines bei extrem tiefen Temperaturen nicht ausreichen, um die Versorgung vollständig abzusichern. → dpa
- Der Kern-Satz: Die Beschaffungskosten für Gas liegen häufig über den im Winter erzielbaren Verkaufspreisen — „damit besteht kaum ein wirtschaftlicher Anreiz zur Einspeicherung.“ → dpa
- Reaktion der Politik: Das Bundeswirtschaftsministerium (Ministerin Katherina Reiche, CDU) erwartet nach aktuellem Stand keine Gasmangellage, sieht bei der Wintervorsorge vor allem die Privatwirtschaft in der Pflicht — ein staatlicher Eingriff „berge Risiken“. → dpa / Tagesspiegel




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