Aufgezeichnet im Chefbüro der x-tac media Group. Zweite Zigarre. Ein Fingerbreit von einem ’82er im Glas.

Ich habe in vierzig Jahren viel gesehen. Ich habe Männer Imperien gründen sehen und dieselben Männer sie versaufen sehen. Aber selten, meine Lieben, ganz selten hat mich eine Meldung so an die guten alten Tage erinnert wie diese. Ich musste die Zigarre kurz weglegen. Nicht wegen des Rauchs.

Ein Rechercheverbund namens Investigate Europe hat sich sechs Monate lang durch die Vermögenserklärungen des Europäischen Gerichtshofs gewühlt und ans Licht gebracht, was ich immer geahnt, aber nie zu hoffen gewagt habe: Mehr als vierzig Prozent der amtierenden Richter und Generalanwälte am höchsten Gericht Europas halten private Unternehmensanteile. An mindestens 124 Firmen. Öl. Big Tech. Boeing und Airbus — beide, weil man sich ja nicht entscheiden muss. Pharma. Und, das treibt mir das Wasser in die Augen: vor allem Banken.

Meine Herren. Ein Mann von Geschmack streut. Ich könnte heulen.

Aber deshalb schreibe ich diese Kolumne nicht. Ich schreibe sie wegen zwei Worten. Es sind die zwei schönsten Worte, die die deutsche Sprache je hervorgebracht hat: freiwillige Selbstkontrolle. Das ganze System der roten Roben beruht auf freiwilliger Selbstkontrolle. Ich habe das vierzig Jahre lang bei x-tac einführen wollen. Ich habe es nie ganz hinbekommen. Diese Männer haben es hinbekommen.

Und dann der Teil, bei dem mir vor Ehrfurcht die Zigarre ausging. Der Verhaltenskodex des Gerichtshofs verbietet jede Situation, die einen Interessenkonflikt darstellen — oder auch nur als solcher wahrgenommen werden — könnte. Verbietet ihn streng. Und definiert dann, mit einer Grazie, für die ich mein halbes Archiv gäbe, nicht, was ein Interessenkonflikt überhaupt sein soll.

Begreift ihr die Schönheit? Man kann keine Regel brechen, die sich weigert zu existieren. Das ist kein Schlupfloch. Das ist ein Gesamtkunstwerk.

[SPITZE] Und die Kirsche auf meiner Torte: Eine deutsche Generalanwältin kaufte Aktien gleich mehrerer Pharmakonzerne — darunter der direkte Konkurrent einer Firma, über deren Fall sie mitzubefinden hatte. Ihre Erklärung heute? Sie habe „in sehr begrenztem Umfang“ zur Entwicklung von Covid-Impfstoffen beitragen wollen. Sie hat, meine Lieben, aus reiner Nächstenliebe investiert. Eine Heilige in Rot. Ich lasse ihr einen Kranz schicken, solange sie noch lebt.

Man hat den Gerichtshof gefragt. Präzise. Mehrfach. Und der Gerichtshof hat mit der vollendetsten aller Antworten geantwortet: mit gar keiner. Schweigen ist Gold, und diese Herren sitzen auf einer Goldmine. Ein Sprecher rang sich immerhin einen Satz ab — bislang sei bei niemandem ein Interessenkonflikt festgestellt worden.

Natürlich nicht. Man kann nicht feststellen, was man sich weigert zu definieren. Das ist keine Ausrede. Das ist Philosophie.

Und ihr — ihr da draußen, meine liebsten vierhundertsiebenundvierzig Millionen Stück beste Ware — ihr dürft weiterglauben, „unabhängige Justiz“ sei etwas, das man anfassen kann. Ihr glaubt es so schön. Ihr seid mein bestes Produkt, gerade weil ihr es umsonst tut.

Justitia trägt eine Augenbinde, damit sie das Ansehen der Person nicht sieht. Meine Herren am Gerichtshof haben sie endlich richtig verstanden. [SPITZE] Die Binde ist nicht dafür da, die Parteien nicht zu sehen. Sie ist dafür da, das eigene Depot nicht zu sehen. Das Rot der Roben, meine Lieben — ihr haltet es für die Farbe der Würde. Es ist die Farbe der Rendite.

— Doc Bob, CEO der x-tac media Group


Quellen: Investigate Europe / taz, „Lobbyismus am Europäischen Gerichtshof: Transparenz unterm Hammer“ (Juni 2026); EUobserver, „Top EU judges‘ financial holdings raise troubling questions“ (29.06.2026). Die Recherche belegt keinen einzelnen nachgewiesenen Interessenkonflikt; sie dokumentiert die Beteiligungen und die fehlende Definition im Verhaltenskodex.

Hinweis: [SPITZE]-Marker vor Veröffentlichung entfernen — sie markieren die Meinungsspitzen zur Intensitätskontrolle.

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