von Robert Langer

Canyon baut sein Spectral:ON komplett neu: Avinox-Motor statt Shimano, neuer Carbonrahmen, laut Hersteller deutlich leichter. Klingt nach dem großen Wurf, und vieles spricht dafür. Für Einsteiger lauert aber eine Falle, die mit dem Bike selbst wenig zu tun hat: Unter dem Namen Spectral:ON CF 9 gibt es gerade zwei grundverschiedene Räder. Und die trennen 2.000 Euro.

Was Canyon am 13. Oktober vorgestellt hat

Am 13. Oktober hat Canyon das neue Spectral:ON CF 9 offiziell präsentiert. Es ist die vierte Generation des E-Mountainbikes und laut Hersteller eine komplette Neuentwicklung. Die auffälligste Änderung steckt im Tretlagerbereich: Statt eines Shimano-Motors arbeitet dort jetzt der Avinox M2S, das Antriebssystem aus dem DJI-Umfeld, das seit Monaten die E-MTB-Szene aufmischt.

Die Eckdaten laut Canyon: bis zu 150 Newtonmeter Drehmoment (das ist die Zugkraft, die du am Berg in den Beinen spürst), bis zu 1.500 Watt Spitzenleistung und ein 700-Wattstunden-Akku. Der Vollcarbonrahmen soll 2,9 Kilo wiegen und ist nach Kategorie 4e zertifiziert, also für harte Enduro-Belastungen getestet. Federweg: 160 Millimeter vorn, 155 Millimeter hinten.

Beim Gewicht gibt Canyon ab 20,8 Kilo an. Das „ab“ ist wichtig: Gemeint ist die leichteste Konfiguration, je nach Ausstattung und Rahmengröße wiegt dein Bike mehr. Es ist eine Herstellerangabe, nachgewogen haben wir noch nicht. Was solche Zahlen im echten Trail-Leben bedeuten, nehmen wir uns demnächst ausführlich vor.

Ab Werk rollt das Bike als sogenanntes Mullet: vorn ein 29-Zoll-Rad, hinten ein kleineres 27,5-Zoll-Rad. Das macht es wendiger in engen Kurven. Über einen Flip-Chip, ein kleines Wendeteil am Hinterbau, lässt es sich auf 29 Zoll hinten umbauen, das passende Hinterrad musst du dann aber selbst kaufen. Der Lenkwinkel ist mit 64 Grad flach (bringt Ruhe bergab), der Sitzwinkel mit 78,5 Grad steil (effizient bergauf). Die Kettenstreben sind bei S und M kürzer als bei L und XL, damit sich jede Größe ausgewogen fährt.

Die Ausstattung ist für 6.999 Euro stark: Fox-Factory-Fahrwerk, elektronische SRAM-X0-Schaltung, Maven-Bremsen, Carbonlaufräder von DT Swiss. Vorbestellen kannst du ab 4. Dezember, ausgeliefert wird ab 19. Januar 2027. Drei weitere, vermutlich günstigere Varianten will Canyon zwischen November und Januar nachschieben. Kleine Randnotiz: Auf der Eurobike war noch von einer Verfügbarkeit im September die Rede.

Die spannendste Zahl an diesem Bike ist nicht 1.500 Watt. Es ist 350: So viel leistet der Eco-Modus.

1.500 Watt: Brauchst du das?

Kurz vorweg, weil die Frage garantiert kommt: Ja, das Spectral:ON ist ein ganz normales Pedelec. Rechtlich zählt die Nenndauerleistung von 250 Watt, und die Unterstützung endet bei 25 km/h. Die 1.500 Watt sind Spitzenleistung, also das, was der Motor kurzzeitig rausdrückt, etwa an einer steilen Rampe.

Und kurz heißt hier wirklich kurz: Die volle Leistung gibt es nur im Boost-Modus für 30 Sekunden. Canyon hat die übrigen Stufen ab Werk selbst zurückgenommen: Turbo 1.300 Watt, Trail 1.000 Watt, Auto 850 Watt, Eco 350 Watt. Das finden wir richtig. Wer neu im Sport ist, lernt im Eco- oder Auto-Modus mehr über Linienwahl, Balance und Trittfrequenz als im Boost. Und kommt weiter, denn jedes Watt geht vom Akku ab.

Unsere Haltung kennst du: Mehr Bike, weniger Moped. Ein Motor bringt dich schneller nach oben, macht dich aber nicht besser auf dem Weg nach unten. Das Spannende an diesem Spectral:ON ist deshalb weniger der Antrieb als das, was drumherum passiert ist. Rahmen, Geometrie und Fahrwerk wurden gründlich überarbeitet, und genau das loben die ersten Fahreindrücke aus der Szene: verspieltes, ausgewogenes Handling statt roher Kraft.

Die Haken, die im Prospekt kleiner gedruckt sind

  • Kleinerer Akku, fest verbaut. 700 statt bisher 800 Wattstunden, nicht im Handumdrehen herausnehmbar, und einen Zusatzakku (Range Extender) gibt es für das Avinox-System nicht. Canyon verspricht rund 2.000 Höhenmeter. Wer viel im Turbo unterwegs ist, wird das kaum schaffen: Ein Tester rollte nach rund 1.200 Höhenmetern mit drei Prozent Restakku ins Tal.
  • Schnellladen kostet extra. Das Avinox-Schnellladegerät (rund 80 Prozent in etwa 75 Minuten) ist Zubehör. Ab Werk liegt nur ein langsameres 4-Ampere-Gerät bei.
  • Die Größen fallen lang aus. Schon das S hat 445 Millimeter Reach, das L liegt mit 495 Millimetern in einem Bereich, den andere Hersteller als XL verkaufen. Bestell nicht nach Gewohnheit, sondern vergleich die Geometrietabelle mit deinem jetzigen Bike.
  • Reifen eher leicht als robust. Für ruppige Alpentrails werden viele auf stabilere Karkassen wechseln. Das kostet Geld und ein paar hundert Gramm.
  • Kinderkrankheiten möglich. An einem Testbike musste die Gabel geöffnet werden, weil ab Werk zu viel Fett in der Luftkammer saß. Vielleicht ein Einzelfall, aber bei einem Direktversender ohne Händler um die Ecke ein Punkt, den du kennen solltest.

Die Namensfalle: Es gibt zwei CF 9

Jetzt der Teil, den die meisten Meldungen unterschlagen. Ende 2024 musste Canyon das Spectral:ON nach Rissen im Akkugehäuse großflächig zurückrufen. Im Januar 2026 kam das Bike zurück, mit neuem 800-Wattstunden-Akku im Aluminiumgehäuse und weiterhin mit Shimano-Motor. Das damalige CF 9 kostete 4.999 Euro, vor dem Rückruf waren es noch 7.499 Euro.

Heißt: Unter dem Namen Spectral:ON CF 9 findest du aktuell zwei grundverschiedene Bikes. Das Shimano-Modell aus 2026 hat den größeren, herausnehmbaren Akku und kostete 2.000 Euro weniger, ist aber spürbar schwerer und bei Leistung und Elektronik eine Generation älter. Das neue Avinox-Modell ist leichter, stärker, moderner und eben 2.000 Euro teurer.

Gerade auf dem Gebrauchtmarkt und bei Restposten solltest du deshalb genau hinschauen: Motor (Shimano EP801 oder Avinox M2S) und Akkugröße (800 oder 700 Wattstunden) verraten sofort, welches Bike vor dir steht. Für manchen Einsteiger könnte das ältere Modell sogar die vernünftigere Wahl sein, sofern es noch irgendwo zu einem fairen Preis zu haben ist.

Unter dem Namen Spectral:ON CF 9 findest du gerade zwei grundverschiedene Bikes. Motor und Akkugröße verraten, welches vor dir steht.

Was die Szene sagt

In den Foren wird das neue Spectral:ON lebhaft diskutiert, und die Stimmung ist gemischt. Beim Preis sind sich viele einig: Für ein Bike mit Avinox-Topmotor und dieser Ausstattung ist das eine Kampfansage. Fahrer rechnen vor, dass ein vergleichbar ausgestattetes Modell von Amflow, der Bikemarke aus dem DJI-Konzern, rund 3.000 Euro mehr kostet. Amflow-Besitzer halten dagegen, dass sich ihr Bike in der Geometrie deutlich weiter verstellen lässt, von Tour bis Enduro.

Der zweite große Strang ist Vertrauen. Der Akku-Rückruf hängt Canyon nach, und in internationalen Kommentarspalten erzählen Rider sowohl von zäher Garantieabwicklung als auch vom Gegenteil, nämlich schnellem, unkompliziertem Rahmenersatz. Und dann ist da noch der gestaffelte Launch: Viele hätten lieber zuerst die günstigeren Modelle gesehen, die für Normalfahrer meist das bessere Paket sind.

Canyon hat beim neuen Spectral:ON CF 9 vieles richtig gemacht, und zwar vor allem dort, wo es nicht um Watt geht: einfachere Leitungsführung ohne Kabel durch den Steuersatz, mitwachsende Kettenstreben, eine ausgewogenere Geometrie und ein Preis, der die Konkurrenz unter Druck setzt. Das ist mehr Bike, und das gefällt uns.

Unser Rat für Einsteiger trotzdem: Nicht am 4. Dezember blind vorbestellen. Warte ab, was CF 7 und CF 8 kosten und wie sie ausgestattet sind. Plane Schnellladegerät und robustere Reifen ins Budget ein. Prüf die Größe zweimal. Und wenn dir irgendwo ein Spectral:ON CF 9 begegnet, schau zuerst auf den Motor und dann auf den Preis.

Published by Radical Life Studios / MTB Report


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