Eine Danksagung an die Männer, die Deutschland vom Auto erlösen

In eigener Sache: Die Redaktion hat lange überlegt, wie sie den kommenden Donnerstag würdigen soll. Am 9. Juli entscheidet der Aufsichtsrat der Volkswagen AG über das „Zielbild 2030″ – und wir finden: Es reicht nicht, darüber zu berichten. Man muss es feiern. Deshalb verleiht Meinungsmonopol erstmals den Goldenen Karton – die höchste Auszeichnung für Verdienste um die Befreiung des Menschen von der Beschäftigung. Die Laudatio hält, wer sonst, unser Verleger. Bitte erheben Sie sich.


Laudatio, gehalten von Doc Bob (Auszug, Zigarre gekürzt)

Meine Damen und Herren,

ich stehe nicht oft ehrfürchtig vor anderen Männern. Ich habe Fernsehsender geführt, ich habe Meinungen im Sonderangebot verkauft, ich habe Zuschauer in Zielgruppen zerlegt, während sie noch applaudierten. Ich dachte, ich hätte alles gesehen.

Und dann kam Wolfsburg.

Meine Damen und Herren – was dieser Vorstand vollbringt, ist nichts weniger als das größte Sozialprogramm der deutschen Geschichte. Hunderttausend Menschen werden von der Last der Erwerbsarbeit befreit. Hunderttausend! Kein Sozialstaat, keine Kirche, keine Lottogesellschaft hat je so vielen Menschen auf einen Schlag so viel Freizeit geschenkt. Und die Kritiker? Die Kritiker rechnen. Diese Männer aber träumen. Vor sechs Monaten sprachen sie noch von fünfzigtausend Befreiten – heute sind es hunderttausend. Eine Verdopplung in einem halben Jahr! Zeigen Sie mir das Start-up, das solche Wachstumszahlen liefert. Endlich wächst bei Volkswagen wieder etwas.

Man wirft diesen Männern vor, sie schlössen vier Werke. Welch kleinliches Wort. Sie schenken vier Städten ihre Innenstädte zurück. Hannover, Zwickau, Emden, Neckarsulm – befreit vom Schichtlärm, vom Pendlerstau, vom lästigen Wohlstand. Wo heute noch Bänder laufen, werden morgen Rehe grasen und übermorgen Logistikhallen stehen, in denen niemand mehr sozialversicherungspflichtig ist. Das nennt man Renaturierung. Des Arbeitsmarkts.

Und die Führungsstärke! Ich bitte Sie, würdigen Sie diesen Moment: Ein Vorstand, der seinem eigenen Aufsichtsrat mit der außerordentlichen Hauptversammlung droht, falls das Gremium falsch abstimmt. Falsch abstimmen – allein dass es diesen Begriff jetzt gibt! Jahrzehntelang haben wir geglaubt, Kontrolle kontrolliere die Kontrollierten. Diese Männer haben das Missverständnis behoben. Demokratie, meine Damen und Herren, ist wie ein Navi: ein nettes Angebot, aber der Fahrer entscheidet. Und dieser Fahrer hat ein Ziel. Gut – das Ziel ist eine Wand. Aber er hält die Spur wie kein Zweiter.

Die Ausgliederung der Kernmarke! Ich musste weinen, als ich davon las. Die Schlange häutet sich – und in der alten Haut bleiben zurück: das VW-Gesetz, die Mitbestimmung, Niedersachsen und ungefähr sechshunderttausend Erinnerungen. Was da glänzend hervorkriecht, ist rein, ist schlank, ist eine Holding. Eine Holding hält. Mehr muss sie nicht. Fragen Sie nicht, was sie hält – das ist eine Kleinlichkeit für Bedenkenträger.

Und dann – Verzeihung, meine Stimme – die Panzer. Diese heimlich in Osnabrück geschaffenen Kunstwerke, MV.1 und MV.2, präsentiert auf einer Rüstungsmesse wie Debütantinnen auf ihrem ersten Ball. Die Rüstungsindustrie hat höflich abgewunken – und die Spötter lachten. Die Narren! Sie haben nicht verstanden: Dieses Haus ist so exklusiv, dass nicht einmal der Krieg als Kunde angenommen wird. Volkswagen verkauft keine Panzer. Volkswagen zeigt Panzer. Der Unterschied zwischen einem Waffenhändler und einem Museum, meine Damen und Herren, ist die Marge – und Museen haben die reineren Hände und die leereren Kassen. Beides: erreicht.

Man erzählte mir, es habe einen Alternativplan gegeben. Vier-Tage-Woche, wie 1993, als der Konzern dreißigtausend Stellen rettete. Auftragsfertigung in Zwickau. Ein bezahlbares Auto in Emden – ein Volkswagen, stellen Sie sich das vor, die Idee ist so alt, dass sie schon wieder radikal wirkt. Dieser Plan wurde geprüft und dem Schredder zugeführt. Und ich sage: richtig so. Wer heilen will, darf sich von der Medizin nicht ablenken lassen. Ein Chirurg, der vor der Amputation noch Alternativen liest, verliert den Schwung. Diese Männer haben Schwung. Fragen Sie die Aktie: tiefster Stand seit 2010. Sechzehn Jahre Zeitreise, geschenkt an jeden Anleger. Andere Konzerne bieten Dividende. Dieser bietet Nostalgie.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss, und ich werde persönlich.

Ich galt mein Leben lang als der zynischste Mann im Raum. Ich habe Menschen als Produkt verkauft und es Programm genannt. Aber ich wusste immer, was ich tat. Diese Männer haben mich übertroffen, denn sie haben etwas erreicht, das mir nie gelang: Sie glauben sich. Sie stehen vor hunderttausend gepackten Kartons und sehen ein Zielbild. Das ist keine Führung mehr. Das ist Erleuchtung.

Deshalb, im Namen der Meinungsmonopol-Jury, für Verdienste um die Befreiung des Menschen von der Arbeit, der Marke vom Produkt und des Konzerns von sich selbst:

Der Goldene Karton 2026 geht an – den Vorstand der Volkswagen AG.

Der Preis ist übrigens leer. Wie das Zielbild. Aber er glänzt. Wie das Zielbild.

Bitte bleiben Sie sitzen. Aufstehen wird überbewertet – das haben uns die Preisträger voraus.


Die Verleihung findet am Donnerstag in Wolfsburg statt, im Anschluss an die Aufsichtsratssitzung. Dresscode: Karton. Für Musik sorgt der Chor der Freigestellten (siehe unten). Das Buffet wurde ausgegliedert.


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