Leute, ich sag’s euch, wie es ist:
Wir leben in einer Zeit, in der ein Vorwurf reicht, ein paar Schlagzeilen reichen, ein paar Schilder auf einer Demo reichen und schon benehmen sich Teile der Öffentlichkeit, als sei das Urteil längst gesprochen. Das ist nicht klug. Das ist nicht gerecht. Das ist Massenmoral im Schnellverfahren. Und ganz ehrlich: Das ist dumm. Der Presserat ist da glasklar: Zwischen Verdacht und erwiesener Schuld muss sauber getrennt werden, und die Presse darf nicht vorverurteilen.

Im Fall Collien Fernandes stehen schwere Vorwürfe im Raum. Schwere Vorwürfe. Genau deshalb muss man aufpassen. Denn schwere Vorwürfe sind noch lange kein Beweis und schon gar kein rechtskräftiges Urteil. Reuters berichtet von laufenden, vorläufigen Verfahren in Spanien. Der Anwalt von Christian Ulmen weist die Darstellung zurück und spricht von unzulässiger Verdachtsberichterstattung sowie unwahren Tatsachen. Vorläufig heißt offen. Nicht erledigt. Nicht bewiesen. Nicht fertig.

Und jetzt kommt der Teil, der mich richtig nervt:
Kaum kocht so ein Fall hoch, wird sofort politisch aufgerüstet. Demonstrationen. Empörung. Gesetzesdebatten. Reuters berichtet von mehr als 10.000 Menschen bei einer Berliner Demo und davon, dass das Justizministerium bereits an einem Gesetz arbeitet, das die Herstellung pornografischer Deepfakes strafbar machen soll. Das kann man politisch nachvollziehen, aber es bleibt gefährlich, wenn aus einem offenen Einzelfall eine fertige Symbolgeschichte gebastelt wird.

Noch spannender wird es, wenn man genauer hinschaut:
Der Tagesspiegel schreibt ausdrücklich, dass Fernandes und der Spiegel gerade nicht behauptet hätten, Ulmen habe KI-Deepfake-Pornos mit ihrem Gesicht verschickt. Dort ist stattdessen von Fake-Accounts und Pornovideos von Frauen die Rede, die ihr ähnlich sehen sollen. Genau da wird es heikel: Die öffentliche Debatte läuft unter dem Etikett „Deepfake“, während der öffentlich erkennbare Tatsachenkern offenbar deutlich unschärfer ist. Und wenn die Erzählung schärfer ist als das, was bisher belastbar klar ist, dann läuft etwas schief.

Versteht mich nicht falsch:
Sexualisierte digitale Gewalt ist ein echtes Problem. Widerlich. Grenzüberschreitend. Feige. Dagegen muss man vorgehen. Punkt. Aber das Problem gibt es nicht erst seit gestern, und ein neues Gesetz ist nicht automatisch die große Rettung. Der Deutsche Anwaltverein kritisiert die aktuellen Pläne der Justizministerin laut LTO als zu weitgehend. Parallel verweist LTO darauf, dass Betroffenen oft nicht zuerst ein neuer Straftatbestand hilft, sondern schnelle Löschung, bessere Auskunftsansprüche, Beweissicherung und echter Druck auf Plattformen. Das ist der Unterschied zwischen echtem Schutz und politischer Kulisse.

Was mich an solchen Momenten stört, ist diese selbstgerechte Hast.
Da wird nicht mehr geprüft, da wird sich positioniert. Da geht es nicht mehr um Wahrheit, sondern um Lager. Wer abwartet, gilt plötzlich als herzlos. Wer Zweifel anmeldet, ist verdächtig. Wer auf Rechtsstaat pocht, wird behandelt, als wolle er irgendwas verharmlosen. Nein. Genau das Gegenteil ist richtig. Der Rechtsstaat ist nicht kalt. Der Rechtsstaat ist die letzte vernünftige Bremse gegen kollektive Hysterie.

Doc Bob sagt deshalb ganz einfach:
Digitale Gewalt bekämpfen? Ja.
Plattformen stärker in die Pflicht nehmen? Ja.
Betroffene besser schützen? Ja.
Aber Menschen öffentlich schuldig sprechen, bevor wirklich klar ist, was bewiesen ist? Nein. Niemals.
Denn wer heute aus Empörung die Unschuldsvermutung wegwischt, der baut nicht Gerechtigkeit. Der baut einen Pranger. Und auf so einem Pranger landet morgen vielleicht der Nächste, wieder begleitet von derselben lauten, moralisch aufgepumpten Meute.

Meinungsmonopol heißt nicht: Wir brüllen am lautesten.
Meinungsmonopol heißt: Wir denken, bevor wir schreien.


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